Die Pfarre und das Stift Klosterneuburg

von DDr. Floridus Röhrig can.reg. 

Im Jahre 1253 (den genauen Tag vermeldet die Urkunde nicht) tauschte der Komtur des Deutschen Ordens Ortolf von Traiskirchen den Hof in Hietzing (Hyecingen) samt der dazugehörigen Kirche mit dem Stift Klosterneuburg gegen Besitzungen in Stockstall und Ziersdorf. Die Hietzinger Kirche war eine Eigenkirche, das heißt, sie gehörte dem Grundherrn (von nun an dem Stift Klosterneburg) mit all ihren Einkünften, die mit zwei Weingärten und 18 Eimer Bergrecht (Naturalabgabe in Wein) angegeben werden. Der Grundherr hatte allerdings für die Bedürfnisse der Kirche und der Seelsorge aufzukommen. Das Stift Klosterneuburg erweiterte in der Folge seinen Besitz in Hietzing und war gegen Ende des 13. Jahrhunderts wohl alleiniger Besitzer des Ortes. 

Das bezog sich allerdings nur auf die weltliche Obrigkeit von Hietzing. Geistlich gehörte der Ort zum großen Sprengel der Pfarre Penzing, und daraus sollten sich jahrhundertelange Konflikte ergeben.
Das Stift stellte sehr bald Weltpriester als Seelsorger an der Hietzinger Marienkirche an, die als Wallfahrtskirche allmählich große Bedeutung erlangte. 1340 machte Herzogin Johanna, die Gattin Albrechts II., eine große Stiftung an die Hietzinger Kirche, die später noch vermehrt wurde. Gerade diese Besonderheit Hietzings führte bald zu großen Problemen, denn der Pfarrer von Penzing suchte sich diese lukrative Geldquelle einzuverleiben. Das Stift hielt jedoch eisern an seinem alten Recht fest. Alle Seelsorger in Hietzing wurden vom Klosterneuburger Propst präsentiert. Das blieb auch so, nachdem 1469 das Bistum Wien gegründet wurde. Aber der Wiener Bischof versuchte sogar am Anfang des 16. Jahrhunderts alle Hietzinger, die nicht in Penzing den Gottesdienst besuchten, zu exkommunizieren.

Während der Türkenbelagerung im Jahr 1529 ging die Hietzinger Kirche in Flammen auf. Damals soll sich die wunderbare Begebenheit zugetragen haben, die auf dem prächtigen Hochaltar von Matthias Steinl dargestellt ist: die Hietzinger Gnadenstatue wurde vor den Türken im Geäst eines Baumes versteckt und an eben diesen Baum banden die Türken vier Hietzinger Bauern, die durch die Anrufung Mariens die Freiheit erlangten. Das gab der Wallfahrt nach Hietzing gewaltigen Auftrieb.

Das steigerte aber auch die Begehrlichkeit des Penzinger Pfarrers. Um diese abzuwehren, erreichte das Stift 1534 die päpstliche Inkorporation der Hietzinger Kirche. Damit war aber der Streit nicht zu Ende. Das Stift ließ in den Jahren 1587-93 die Kirche vom Baumeister Jakob Vivian wieder herstellen, aber deren Weihe führte zu einem neuen Konflikt, diesmal zwischen den Diözesen Wien und Passau (zu der damals noch Klosterneuburg gehörte). Diese Streitigkeiten dauerten, oft aus ganz nichtigen Anlässen, zweihundert Jahre. 1729 wurde Klosterneuburg mit dem ganzen Viertel unter dem Wienerwald der Diözese Wien angegliedert. Darin sah der Penzinger Pfarrer eine neue Möglichkeit, sich der Hietzinger Kirche zu bemächtigen, was wiederum viel Staub aufwirbelte. 

Kaiser Joseph II. machte schließlich kurzen Prozess. Durch Hofdekret vom 24. Dezember 1782 ließ er die Exemption der Hietzinger Kirche aufheben und beendete damit den jahrhundertelangen Konflikt. Die Freude des Penzinger Pfarrers dauerte aber nicht lange, denn 1786 wurde Hietzing samt Schönbrunn von der Pfarre Penzing abgetrennt, zu einer eigenen Pfarre erhoben und dem Stift Klosterneuburg inkorporiert. Seitdem ist Hietzing eine Stiftspfarre wie alle anderen und wird hoffentlich noch lange mit dem Stift verbunden bleiben.

DDr. Floridus Röhrig can.reg. ist Univ.-Doz. für Kirchengeschichte an der Universität Wien, sowie Bibliothekar und Archivar im Stift Klosterneuburg.

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